Wie können Unternehmen den KiTa-Ausbau unterstützen?

 

Wie gut die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie klappt, hängt stark von der Betreuungssituation am jeweiligen Wohnort ab. Im gesamten Bundesgebiet klafft nach wie vor eine Lücke zwischen den benötigten Plätzen und dem tatsächlichen Angebot – gerade bei der Betreuung von Kleinkindern unter 3 Jahren. Wie sich private Unternehmen engagieren und so Betreuungslücken schließen können, zeigen die Specht Gruppe und die Sparkasse Bremen AG.

Text: Sandra Lachmann, Fotos: Sparkasse Bremen, Specht Gruppe

Eltern in Deutschland haben es eigentlich gut: Für sie gilt ein Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung. Theoretisch. Denn in der Praxis fehlen noch immer tausende Kitaplätze, um diesen Anspruch zu decken. Die größte Betreuungslücke zeigt sich bei den Jüngsten, denn für sie steigt die Nachfrage stetig - weil Familien es sich immer seltener leisten können, drei Jahre lang auf ein Einkommen zu verzichten und der Anteil an Alleinerziehenden, die dringend auf Betreuung angewiesen sind, in Deutschland stetig wächst. Im Jahr 2020 fehlten laut Institut der deutschen Wirtschaft für Kinder bis 3 Jahre in Deutschland mehr als 340.000 Plätze. Konkret heißt das: jede siebte Familie, die ein Kind in die Krippe oder zur Tagesmutter geben wollte, konnte es nicht.

 

Betriebskita ist gut, Kita für alle ist besser

 

Daran kann die Politik etwas ändern, aber auch die Wirtschaft. Betriebskitas sind eine Maßnahme, mit der einige Unternehmen bereits auf das Problem reagieren – und verschaffen sich damit im Wettbewerb um Fachkräfte einen großen Vorteil. Diese Lösung ist allerdings nur dann ein zusätzlicher Hebel, dem Betreuungsnotstand entgegenzuwirken, wenn die jeweilige Betriebskita auch für Nicht-Beschäftigte gedacht ist, wie in Bremen beispielsweise die Kita »Glühwürmchen« von swb Wolmtershausen. Anderenfalls entstünde die Gefahr einer sozialen Ungleichbehandlung – frei nach dem Motto »Wer nicht erwerbstätig oder beim falschen Arbeitgeber angestellt ist, hat schlechtere Chancen auf einen Betreuungsplatz«

Ein besonderes Augenmerk verdienen daher Projekte von Unternehmen, die die Kinderbetreuung ganz grundsätzlich verbessern. Wie diese beiden aus Bremen: Rolf Specht macht mit seinem Team vor, wie ein Immobilienunternehmen mit innovativen Konzepten Räume entstehen lässt, in denen KiTas überhaupt erst eröffnet werden können. Und die Sparkasse Bremen zeigt, dass man mit einem passenden gemeinnützigen Kooperationspartner innerhalb von 11 Jahren rund 300 Betreuungsplätze entstehen lassen kann, die sich über das gesamte Gebiet einer Großstadt verteilen.

 

Spielplatz auf dem Dach und Senioren als Nachbarn: Neue Konzepte schaffen Raum für Kinderbetreuung

 

Kita Bremen
Kita Bremen

Neben Fachpersonal fehle es, so heißt es immer wieder, an passenden Räumlichkeiten für den Betrieb einer Kita. Geld für den Kitaausbau stellen viele Kommunen und Städte durchaus zur Verfügung – Bremen 2021 rund 320 Millionen Euro –, doch oft ist es schwer, dieses Geld auszugeben. Woran es häufig mangelt: Grundstücke, Baugenehmigungen und ausführende Handwerksbetriebe. Dementsprechend lange dauert es vom Entschluss für eine neue Kita bis hin zu ihrer Einweihung. Zeit, in der die nötigen Kita-Plätze weiterhin fehlen.

Der Kompromiss: Container-Erweiterungen auf dem Grundstück bestehender Einrichtungen. Besser als nichts, bestimmt. Aber so richtig glücklich ist kaum jemand mit dieser improvisierten Lösung, die zudem in der Regel zu Ungunsten des Außenbereichs der jeweiligen Kita geht, der eigentlich zum Spielen und Toben gedacht ist. Dementsprechend sinnvoll ist es, bestehende Gebäude für Kitas zu nutzen. Genau das hat die bundesweit tätige Specht Gruppe mit Sitz in Bremen verstanden – und in den vergangenen drei Jahren an drei Standorten in der Hansestadt umgesetzt.

 

Belebende Synergien zwischen Senioren und Kindern

 

Interessante Objekte zu erwerben oder zu realisieren, war schon immer die große Leidenschaft des geschäftsführenden Gesellschafters Rolf Specht. Mehr als 100 Pflegeimmobilien hat die Specht Gruppe mit dieser Leidenschaft in den zurückliegenden 33 Jahren entwickelt. Nun also auch Kitas.

Gar kein ungewöhnlicher Schritt, wie Rolf Specht, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der Specht Gruppe, weiß: »Das Thema KiTa begleitet uns im Rahmen der Planung von Seniorenresidenzen und -quartieren bereits seit einigen Jahren. Ältere Menschen sehnen sich nicht nach Ruhe, sondern wollen am Alltagsleben teilnehmen, in Kontakt mit anderen Genrationen sein, ein bisschen Trubel haben. Kinder sind die perfekten Nachbarn. Daher kombinieren wir inzwischen standardmäßig Kitas und Senioreneinrichtungen, was in der Praxis zu wunderbaren Synergien führt. Übrigens auch für die Pflegekräfte in den Senioreneinrichtungen, die Kinder haben: Sie haben eine Kita direkt am Arbeitsplatz, was für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie super ist.«

Dieses Konzept verwirklicht die Specht Gruppe in der Rolle als Investor derzeit unter anderem dort, wo früher Silberschmiede Bestecke und den DFB-Pokal anfertigten: auf dem Koch & Bergfeld-Gelände in der Bremer Neustadt. Gleichzeitig ist eine weitere KiTa in der ehemaligen Kinderklinik des Klinikums Links der Weser geplant.

Rolf Specht

 

 

 

 

»Kinder sind die perfekten Nachbarn

Rolf Specht
 Projektentwickler für Pflege- und Sozialimmobilien

Dass es nicht immer solch ein großangelegtes Bauvorhaben braucht, um neue Kita-Plätze zu schaffen, hat Rolf Specht in zwei anderen Bremer Stadtteilen gezeigt. In Bremen-Gröpelingen hat die Specht Gruppe 2020 ein Gemeindehaus der evangelischen Kirche erworben, das für ihren eigentlichen Zweck kaum mehr genutzt wurde und mit einer Fläche von 1.300 m² daher deutlich überdimensioniert war.

 

Gestern ungenutzter Gemeindesaal, heute Platz zum Toben

 

Das Gemeindehaus an die Specht Gruppe zu verkaufen und den Erlös in die Umgestaltung der angrenzenden Andreaskirche zu einem modernen, multifunktionalen Begegnungszentrum zu investieren war eine finanziell sinnvolle und für das Gemeinwohl gute Lösung - denn so wurde Raum frei für eine neue KiTa. »Uns war damals sehr wichtig, das Erscheinungsbild des Gebäudes und damit die Historie sichtbar zu erhalten«, schildert Architekt Moritz Greiling von der Specht Gruppe. »Deshalb haben wir den Gemeindesaal mit seinen alten Kirchenmalereien bewahrt und nutzen ihn heute als Multifunktions- und Bewegungsbereich.«

Auch aus einer Gewerbeimmobilien, so hat Rolf Specht ein Jahr vorher bewiesen, kann eine Kita werden – selbst wenn auf den ersten Blick die vorgeschriebene Fläche für einen Außenbereich fehlt. »Wer eine Kita eröffnen möchte, muss natürlich zahlreiche Vorgaben erfüllen«, erläutert Moritz Greiling. »Zum Beispiel ist die Größe der Außenspielfläche vorgegeben. Pro Kind müssen 10 Quadratmeter Freifläche zur Verfügung stehen.«

1.500 Quadratmeter für den Freiluftbereich – auf den ersten Blick gab es diesen Platz für einen Spielplatz und Freiflächen nicht, als sich die Specht Gruppe ein Bürogebäude in der Gartenstadt Vahr näher anschaute. Auf den zweiten Blick fand sie dann aber doch noch eine Fläche, auf dem Dach nämlich. Greiling: »Als wir die Idee hatten, einen Teil der vorgeschriebenen Außenspielfläche als Dachgarten in neun Metern Höhe zu errichten, haben wir viel positives Feedback bekommen. Damit ermöglichen wir den Kindern einen tollen Ausblick über Bremen, der nicht alltäglich ist.«  Durch die zunächst ungewöhnliche Idee des Dach-Spielgartens war es am Ende möglich, aus einem grauen Bürokomplex eine bunte Kita zu machen, die heute 150 Kindern (vier Elementargruppen à 20 Kinder im Alter zwischen drei bis sechs Jahren, vier Krippengruppen à zehn Kinder im Alter bis drei Jahren sowie zwei altersgemischte Gruppen à 15 Kinder von 1 bis 6 Jahren)  einen Platz und gleichzeitig 150 Eltern eine bessere Vereinbarkeit ermöglicht.

Bei der Entwicklung solcher Kita-Standorte hat die Specht Gruppe eine versierte Partnerin an ihrer Seite. Rolf Specht: »Wir arbeiten mit der Frühpädagogin Dr. Ilse Wehrmann zusammen. Sie weiß, wie ein Ort zum gemeinsamen Lernen und Entdecken aussehen muss und steht uns im jeweiligen Planungs- und Realisierungsprozess als Ratgeberin zur Seite. In der multikulturellen Gartenstadt Vahr war es beispielsweise wichtig, das pädagogische Konzept dem Standort anzupassen. Die Kita-Kinder kommen sowohl aus einem Einzugsgebiet, in dem große Wohnblöcke, aber auch soziale Not das tägliche Bild prägen, aber auch aus dem eher gut situierten Stadtteil Bremen-Schwachhausen. Alle sollen sich natürlich wohlfühlen. Wir als Investor können dafür räumliche Vorkehrungen treffen, wie der Betrieb am Ende gestaltet ist, prägt der jeweilige Träger.«

 

Hanseatenkids: Kooperationsprojekt zwischen Sparkasse Bremen und Bremer Heimstiftung

kita bremen

Womit wir tatsächlich bei der zweiten Voraussetzung für mehr Kita-Plätze angekommen sind. Immobilien wie die der Specht Gruppe,  die für den Betrieb einer Kindertagesstätte geeignet sind, sind die erste. Damit am Ende tatsächlich 10 bis 20 Kinder pro Gruppe im Morgenkreis sitzen und tagsüber gemeinsam spielerisch lernen können, braucht es dann aber noch einen offiziellen Träger. In Bremen gibt es einige: neben dem städtischen Eigenbetrieb »Kita Bremen« sind das gemeinnützige Träger wie die Arbeiterwohlfahrt und das Deutsche Rote Kreuz, andere freie Träger wie zum Beispiel Fröbel oder der PME Familienservice oder auch die Bremische Evangelische Kirche. Eine besondere Tradition in Bremen sind laut Auskunft des Bildungsressorts zudem die von Eltern selbst verwalteten Kitas – sie alle bieten zusammen etwa 3.500 Plätze an. Ein weiterer Träger: Familienbündnis e.V., eine gemeinsame Initiative der Sparkasse Bremen und der Bremer Heimstiftung.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nachhaltig zu verbessern, hatte sich die Sparkasse Bremen bereits vorgenommen lange bevor der war of talents tobte. »Als wir 2010 damit begonnen haben, Maßnahmen für eine familienfreundliche Unternehmenskultur auf- und auszubauen,  ging es nicht um die Rekrutierung neuer Mitarbeitender, sondern um die Unterstützung der bereits im Unternehmen tätigen Kolleginnen und Kollegen« erinnert sich Jörg Rosebrock, der damals wie heute in der Personalabteilung des Finanzunternehmens arbeitet. »Vereinbarkeit war und ist für uns nicht nur ein Elternthema, sondern wir schauen auch, wie wir die Situation von pflegenden Angehörigen verbessern können.«

 

Alltagstaugliche Betreuungszeiten statt Karriereknick

 

2010 hat sich die Sparkasse Bremen für beide Bereiche mit der Bremer Heimstiftung zusammengetan und das Familienbündnis gegründet. »Unser Vorstände haben durch einen intensiven Austausch festgestellt, dass ihre Organisationen hervorragende Synergien für die Vereinbarkeit herstellen können«, schildert Jörg Rosebrock, der seit 8 Jahren nicht nur hauptamtlich für die Sparkasse arbeitet, sondern auch ehrenamtlich als Vereinsvorsitzender vom Familienbündnis. »Konkret war es so, dass die Heimstiftung zu dieser Zeit gerade darüber nachdachte, wie Kinder und Senioren enger zusammengebracht werden können. Wir hörten währenddessen in vielen Gesprächen von Mitarbeitenden, wie dringend mehr Kinderbetreuung in Bremen benötigt wird.«

Durch die Einführung des Elterngeldes 2007 und des Betreuungsgeldes 2013 seien immer mehr Beschäftigte mit Kindern in eine dreijährige Elternzeit gegangen (»Ehrlichweise waren das eigentlich immer die Mütter«), weil das damals organisatorisch besser zu bewältigen war als die Kombination aus Arbeitsstelle und Kinderbetreuung. »Man darf nicht vergessen: Damals waren die Betreuungszeiten deutlich kürzer als heute. Nach dem Mittagsessen um 12 Uhr mussten Kinder in der Regel schon wieder abgeholt werden. Nur von 8 bis 12 zu arbeiten ist aber in vielen Jobs gar nicht möglich.«

Die dreijährige Abwesenheit vom Arbeitsplatz, so Rosebrock weiter, hätte in den meisten Fällen für die Frauen zu einem Karrierehemmnis oder einem Karrierebruch geführt. »Das war für beide Seiten unbefriedigend. Und so wurde klar, dass eine verlässliche und vor allem auch zeitlich ausgedehntere Kinderbetreuung das A und O für berufstätige Eltern ist. Um etwas dazu beizutragen, haben wir dann gemeinsam mit der Bremer Heimstiftung die hanseatenkids gegründet.«

Sparkasse

 

 

 

 

»Lange Abwesenheiten vom Job bedeuten ein Karrierehemmnis, wenn nicht sogar einen Karrierebruch

Jörg Rosebrock
 Sparkasse Bremen

Sieben Standorte mit insgesamt rund 300 Betreuungsplätzen sind innerhalb dieses Projektes inzwischen entstanden, sechs davon auf Geländen der Bremer Heimstiftung. Betreuungsplätze, die für alle Bremer Eltern zur Verfügung stehen. »Die hanseatenkids sind keine Betriebskitas«, betont Rosebrock. »Die Plätze werden im ganz normalen Anmeldeverfahren vergeben, das jedes Jahr im Januar stattfindet.«

Auch die Gebührenverordnung und die Bezahlung des pädagogischen Fachpersonals folgt den städtischen Vorgaben. »Wir dürfen Mitarbeiter:innen nicht mehr zahlen als andere Träger es tun, daher haben wir genauso mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen wie alle anderen Kitas auch.« Aus diesem Grund sei aktuell auch nur eine weitere Kita-Eröffnung geplant, die Kita im neuen Quartier »Gartenstadt Werdersee«

 

PiA für mehr Fachpersonal

 

Ausreichend Fachpersonal, das ist die dritte Säule, auf der eine zuverlässige Kinderbetreuung ruht. Diese Säule muss dringend gestützt und stabilisiert werden, denn aktuell fehlt es überall in Deutschland an pädagogischen Fachkräften. Aus diesem Grund beteiligt sich Kita Bremen und auch das Familienbündnis in diesem Jahr an der Praxisintegrierten Ausbildung – kurz »PiA«.

Kita Bremen

Das Modellprojekt erprobt einen neuen Ausbildungsweg für Erzieherinnen und Erzieher: Anders als bei der bisherigen Ausbildung werden Praxisanteile durchgängig in die Ausbildung integriert.Als PiA-Auszubildende erhalten eine schulische Ausbildung beim Institut für Berufs- und Sozialpädagogik (ibs) und werden parallel dazu in der Praxis in einem der 78 Kinder-und Familienzentren eingesetzt.  Die Ausbildungskosten werden übernommen. Zusätzlich wird eine Ausbildungsvergütung in Höhe von derzeit 1.140,69 Euro im ersten, 1.202,07 Euro im zweiten und 1.303,38 Euro im dritten Ausbildungsjahr gezahlt.

Fazit: Es ist noch viel zu tun und es wird viel getan. Das Problem des Fachkräftemangels kann die Wirtschaft dabei nicht lösen, aber Unternehmen können dabei helfen, die Anzahl an KiTas zu erhöhen. Die Specht Gruppe und die Sparkasse Bremen zeigen, dass es geht.

 


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